Führerlos durch San Francisco
Die erste Fahrt im Robotaxi beginnt mit Neugier – und endet mit dem guten Gefühl, ein Stück Zukunft erlebt zu haben: Ein Test in Kaliforniens Küstenmetropole.

Die erste Fahrt im Robotaxi beginnt mit Neugier – und endet mit dem guten Gefühl, ein Stück Zukunft erlebt zu haben: Ein Test in Kaliforniens Küstenmetropole.

Seit dem Goldrausch von 1849 zieht San Francisco Menschen an, die Neues wagen wollen. Goldsuchende, KünstlerInnen, Unternehmer und Visionäre prägten die Stadt ebenso wie die Beat-Generation der 1950er-Jahre, der «Summer of Love» oder die Bürgerrechtsbewegungen. Offenheit, Nonkonformismus und die Bereitschaft, gesellschaftliche Entwicklungen früh aufzugreifen, gehören bis heute zur DANN der Stadt. Kaum irgendwo wird dieser Wandel so sichtbar wie auf den Strassen San Franciscos. Von Weitem kündigt das Rattern und Quietschen die Ankunft der historischen «Cable Cars» an. Wenige Meter daneben gleiten autonom fahrende Waymo-Taxis lautlos durch den Verkehr. Zwischen beiden Verkehrsmitteln liegen 151 Jahre Technikgeschichte. Ersteres steht für die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts, die selbstfahrenden Zauberkisten für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz.

Wer zum ersten Mal ein Waymo-Taxi vorbeifahren sieht, blickt zweimal hin. Am Steuer sitzt niemand und die Fahrgäste verhalten sich wie während einer Fahrt mit der Bahn: Sie lesen, arbeiten am Laptop, scrollen durch ihr Smartphone oder geniessen einfach die Aussicht. Fasziniert von dieser Science-Fiction-Szenerie wagen auch Schweizer Reisende das Experiment und bestellen per App ein Waymo-Taxi. Auf dem Smartphone kann in Echtzeit verfolgt werden, wie das Fahrzeug den Weg zum Abholort findet und dort lautlos an den Strassenrand rollt. Nach dem Einsteigen verriegeln sich die Türen automatisch, auf einem Bildschirm erscheint die Begrüssung mit dem Namen des Fahrgasts. Auf Berührung des «Start»-Symbols setzt sich das Fahrzeug in Bewegung – ohne FahrerIn, ohne Smalltalk. Auf dem Display werden die geplante Route und die gefahrene Strecke in Echtzeit angezeigt. Als Fahrgast weiss man immer, wo sich das Fahrzeug befindet und wie lange die Fahrt noch dauert. Wer hinten Platz genommen hat, kann über einen zweiten Bildschirm seine Musik-Playliste ansteuern, Netflix schauen oder andere Medienangebote nutzen.

Das Lenkrad dreht sich wie von Geisterhand, während Kameras, Radar- und Lasersensoren die Umgebung permanent erfassen. Das Robotaxi hält präzise an roten Ampeln, umfährt Baustellen souverän und passt seine Geschwindigkeit jederzeit dem Verkehr an. Was zunächst futuristisch wirkt, fühlt sich schon nach wenigen Fahrminuten erstaunlich selbstverständlich und sicher an. Je länger die Fahrt dauert, desto weniger vermisst man einen Chauffeur. Im Gegenteil: Das souverän durch den Verkehr gleitende Waymo wandelt sich fast unbemerkt vom technischen Wunderwerk zum vertrauten Begleiter, auf den jederzeit Verlass ist. Wie gut das System funktioniert, zeigt eine kleine Episode kurz nach der Abfahrt: Weil auf der Rückbank zunächst nicht alle Sicherheitsgurte geschlossen waren, reduzierte das Auto sofort die Geschwindigkeit und forderte die Passagiere über Lautsprecher freundlich zum Anschnallen auf. Erst als alle Gurte eingerastet waren, setzte es die Fahrt fort und bedankte sich für die Geduld.

Während autonome Fahrzeuge in San Francisco längst zum Alltag gehören, steht Europa erst am Anfang dieser Entwicklung. Waymo plant, 2026 erste kommerzielle Dienste in London aufzunehmen, Testfahrten mit Sicherheitsfahrern laufen bereits. Europäische Verkehrsminister haben sich erst kürzlich auf eine engere Zusammenarbeit bei Tests autonomer Fahrzeuge verständigt. Experten rechnen damit, dass 2026 oder 2027 erste kommerzielle Robotaxi-Angebote in weiteren europäischen Städten starten könnten. Parallel dazu treiben zahlreiche Städte Pilotprojekte voran. Auch die Schweiz mischt mit: Im Zürcher Furttal laufen bereits öffentliche Tests autonomer Fahrzeuge. In der Ostschweiz plant die Postauto AG, zusammen mit einem chinesischen Technologiepartner, ab 2027 einen fahrerlosen On-Demand-Service unter dem Namen «AmiGo». www.sftravel.com
Robotaxi Waymo: Waymo setzt sich aus den englischen Wörtern «Way»und «Motion» zusammen. Der Name entstand 2016 aus dem Projekt für autonomes Fahren von Google, heute gehört Waymo zum Alphabet-Konzern. Ziel war und ist es, den Strassenverkehr sicherer zu machen und Fahrten vollständig ohne Chauffeur zu ermöglichen. Zum Einsatz kommen elektrische Jaguar I-PACE-Fahrzeuge. Die ersten Testfahrten in San Francisco begannen 2021 mit ausgewählten Testpersonen. Seit 2023 stehen die fahrerlosen Waymo-Taxis der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung und gehören zum Stadtbild. Sie fahren in mehreren US-Städten, darunter San Francisco, Phoenix, Los Angeles, Austin und Atlanta. Bis 2026 wurden weltweit über 200 Millionen autonom gefahrene Kilometer zurückgelegt.
