Wir merken es alle, die Welt verändert sich. Die geopolitischen Unsicherheiten und Spannungen nehmen zu. Zölle, handelspolitische Barrieren und industriepolitische Alleingänge prägen mehr und mehr die globalen Rahmenbedingungen. Es gibt Stimmen, die vom Beginn einer neuen geschichtlichen Epoche sprechen. Seit einiger Zeit wird von der «VUCA»-Welt gesprochen. Eine Welt also, die geprägt ist von hoher Volatilität (Kursschwankungen), viel Unsicherheit, hoher Komplexität und ausgeprägter Ambiguität (Mehrdeutigkeit). Der Schweizer Tourismus ist Teil dieser VUCA-Welt und wird zunehmend von ihr geprägt. Ein Beispiel hierzu: Die letzten paar Jahre hat der Schweizer Tourismus einen regelrechten Boom erlebt und fast von heute auf morgen ist eine Debatte über Overtourism und Tourismusakzeptanz entstanden. Die Jahre vorher lag der Tourismussektor bedingt durch die Corona-Pandemie am Boden.

Proaktiv dem Wandel entgegen

Wo wird der Schweizer Tourismus in fünf oder zehn Jahren stehen? Wird der aktuelle Boom durch den Krieg in Nahost und weitere Krisen bereits wieder dauerhaft gebremst? Die Tourismusakteure können sich der VUCA-Welt nicht entziehen. Sie müssen sich proaktiv auf einen steten Wandel einstellen und ihre Businessmodelle laufend weiterentwickeln. Nur so können sie wettbewerbsfähig bleiben und erfolgreich am Markt bestehen. Das Gleiche gilt für die Tourismuspolitik des Bundes. Wir beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO erarbeiten zurzeit eine neue Tourismusstrategie für den Bund, die Anfang 2027 vom Bundesrat verabschiedet werden soll. Mit der neuen Tourismusstrategie wollen wir die grossen Linien für die zukünftige Tourismuspolitik der Schweiz erfolgreich vorzeichnen. Damit die neue Tourismusstrategie in einer VUCA-Welt Wirkung entfalten kann, braucht es im Wesentlichen drei Dinge.

Erstens: Eine Vision

Erstens braucht es eine klare Vision. Damit wollen wir in einem volatilen und unsicheren Umfeld Orientierung schaffen. Die neue Tourismusstrategie gestalten wir bewusst als Orientierungsrahmen für alle touristischen Akteure. Angesprochen werden auch die für den Tourismus relevanten Bundesstellen, die Kantone und Gemeinden, Forschungsund Bildungsreinrichtungen sowie touristische Organisationen und Verbände. Besonders betont werden in der neuen tourismuspolitischen Vision des Bundes die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sowie der Anspruch der touristischen Schweiz, international eine Vorbildrolle in der Nachhaltigkeit einzunehmen. Damit die Vision Kraft entfalten kann, wird die neue Tourismusstrategie nicht nur auf die nächsten Jahre ausgerichtet sein. Sie soll vielmehr bis Mitte des nächsten Jahrzehnts Gültigkeit haben.

Das Seco arbeitet zurzeit an einer neuen Tourismusstrategie. © adobe.stock / Skórzewiak

Zweitens: Analysen

Damit wir mit der neuen Tourismusstrategie in einer VUCA-Welt die richtigen Zukunftsthemen adressieren und diese wirkungsvoll angehen, muss diese zweitens auf einem vertieften Verständnis der touristischen Zusammenhänge basieren. Wir investieren deshalb viel in Analysen, identifizieren die wesentlichen Herausforderungen für den Schweizer Tourismus und leiten den Handlungsbedarf bzw. das Handlungspotenzial für den Staat ab. So untersuchen wir zum Beispiel aktuell, wie sich der Schweizer Tourismus über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg entwickelt hat und wie der aktuelle Nachfrageboom in einem längerfristigen Vergleich einzuordnen ist. Und wir arbeiten auch an Prognosen, wie sich die touristische Nachfrage zukünftig entwickeln könnte. Besonders wichtig ist uns bei diesen Grundlagenarbeiten die Zusammenarbeit und der Austausch mit den vom Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF eingesetzten Mitgliedern der Begleitgruppe Tourismuspolitik.

Drittens: Agilität

Dritte Voraussetzung für die «VUCATauglichkeit» der neuen Tourismusstrategie ist eine hohe Agilität. Sie soll es dem Bund ermöglichen, mit seiner Tourismuspolitik rasch auf Veränderungen zu reagieren und proaktiv zu handeln. Als inhaltlichen Kern der neuen Tourismusstrategie sehen wir sieben offen und anpassbar formulierte thematische Handlungsfelder vor, mit denen wir bewusst Schwerpunkte bilden. Konkret geht es bei den sieben Handlungsfeldern um ein tourismusfreundliches Regulierungsumfeld, um die Unterstützung des Strukturwandels und wettbewerbsfähiger touristischer Infrastrukturen, um die Förderung einer ausbalancierten Tourismusentwicklung sowie um die Unterstützung des Tourismussektors bei dessen Anpassung an den Klimawandel und beim Klimaschutz. Hinzu kommt als fünftes Handlungsfeld die Förderung der digitalen Transformation des Tourismussektors sowie die Weiterentwicklung der Daten- und Statistikgrundlagen und als sechstes Handlungsfeld die Stärkung der Attraktivität des touristischen Arbeitsmarktes. Und last but not least geht es beim siebten Handlungsfeld um die Weiterentwicklung der touristischen Mobilität. Mit diesen sieben Handlungsfeldern adressieren wir die wesentlichen strategischen Herausforderungen des Schweizer Tourismus.

Lernfähigkeit verbessern

Es ist geplant, in den kommenden Jahren im Rahmen dieser thematischen Handlungsfelder konkrete Initiativen und Projekte zu lancieren, um den Schweizer Tourismus gezielt bei der Sicherung und Stärkung seiner Wettbewerbsfähigkeit zu unterstützen. Eine hohe Agilität bedeutet für uns auch, dass wir unsere eigene Lernfähigkeit laufend verbessern wollen. Hierzu wollen wir die Tourismuspolitik des Bundes landesweit stärker vernetzen und intensiver mit Partnern zusammenarbeiten. Dies gilt sowohl bundesintern wie auch für die Zusammenarbeit mit den Kantonen sowie mit den Tourismusorganisationen und Tourismusunternehmen.

Dieser Text stammt von:

Richard Kämpf
Stv. Leiter Direktion für Standortförderung
Leiter Ressort Tourismuspolitik
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO