David Ruetz, Head of ITB Berlin, über die Absage der Tourimusmesse und die Folgen der Corona-Krise.

Interview David Ruetz, Head of ITB Berlin

Das Coronavirus legt den weltweiten Tourismus lahm. Welche konkreten Auswirkungen hatte die Absage der ITB Berlin?

Als weltweit wichtigste Messe der Branche war die Absage für Besucher und vor allem Aussteller  eine folgenreiche Entscheidung. Dennoch haben wir dafür überwiegend Zuspruch erhalten. Das Verständnis war bei allen Betroffenen sehr groß. Allen Hauptausstellern der ITB Berlin 2020 werden die Vorauszahlung auf die Standmiete, die Ausstellerausweise, das Media-Package und der AUMA-Beitrag rückerstattet. Auch Komplett-Standbau-Standmieten-Pakete sind in der Rückerstattung inbegriffen. Ebenso werden die im Vorfeld gekauften Fachbesucherausweise und Privatbesuchertickets zurückgezahlt.

Wie sieht die finanzielle Situation für die Messe aus? Gefährdet solch ein Gau die Existenz? 

Zur finanziellen Situation und zu Rückstellungen äußern wir uns prinzipiell nicht. Die Messe ist aber in keiner Weise durch die Absage der ITB Berlin in ihrer Existenz gefährdet.

Sie haben den Hauptausstellern und Privatkunden ein Grossteil der Kosten zurückerstattet. Wer kommt für den finanziellen Schaden auf?


Wir rechnen insgesamt mit einem erheblichen Schaden für uns als Messegesellschaft, können aber diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten.

Der Schaden betrifft ja nicht nur die Messe an sich, sondern die gesamte Reisebranche. Mit welchen Konsequenzen?

Die Auswirkungen des Coronavirus sind für die internationale Tourismusindustrie katastrophal. Nur schon allein in China, könnte der Markt gegenüber 2019 um rund 40 Prozent schrumpfen. Jedes Unternehmen steht vor harten Herausforderungen und muss für sich im Einzelfall entscheiden, welche Konsequenzen es zieht.

Herrscht in der Branche Panik wegen dem Coronavirus?


Die Branche ist durch das Coronavirus unter Druck. Aktuell haben Reiseveranstalter und Reisebüros eine gestiegene Buchungszurückhaltung zu verzeichnen oder gar einen Buchungsstopp. Viele Grenzen sind dicht, Flugzeuge bleiben am Boden und Hotelzimmer stehen leer. Per Ende März ist das Verreisen vollständig zum Erliegen gekommen. Die wachsende Verunsicherung bei den Gästen wird sich auf Reisebuchungen für das gesamte Jahr niederschlagen. Panik ist da ein schlechter Ratgeber, vielmehr ist besonnen zu handeln, das Gebot der Stunde. Zahlreiche Reiseveranstalter haben die Stornierungs- und Umbuchungsregelungen für Buchungen gelockert, um Reisenden eine zusätzliche Sicherheit zu geben.

An Terrormeldungen oder Naturkatastrophen gewöhnten sich die Reisenden nach einer gewissen Zeit. Wird dies auch beim neuartigen Coronavirus der Fall sein?


Das ist schwer zu sagen, weil die Bedrohung in unserem unmittelbaren Umfeld stattfindet und es jeden Einzelnen von uns treffen kann. Terror und Naturkatastrophen in fernen Ländern sind weit weg. Nach einer gewissen Zeit gewöhnen sich Reisende daran und das Ereignis verliert seinen Schrecken. Um das Vertrauen der Reisenden wiederzugewinnen, sind umfassende Aufklärung, fundierte Informationen und Transparenz wichtig.

Aufgrund der Messe-Absage wurden viele Meetings per Skype oder Telefon geführt. Nun, mit der Verschärfung der Krise, Notstand und Ausgangssperre, setzt sich dieser Trend fort. Wird diese Entwicklung mittelfristig zur Gefahr für Tourismusmessen?


Die Messe ist ein analoger Gegenpol zur Digitalisierung. Sie kann eine Messe, wie die ITB, immer nur ergänzen, aber nie ersetzen. Trotz Digitalisierung legen die Menschen Wert auf den persönlichen Kontakt. Nirgendwo sonst trifft sich die internationale Branchen-Community so komprimiert live vor Ort wie auf einer Messe. Gerade die Reisebranche lebt wie keine andere vom persönlichen Austausch. Dies bestätigen auch der Erfolg unserer Auslandsmessen und der Ausbau der globalen Marke ITB.

Können Sie darüber Auskunft geben, wie sich die Situation bei der ITB Asia im Oktober präsentiert? Laufen wie Vorbereitungen trotz der Krise normal, entspannt sich die Lage sogar langsam?


Die Vorbereitungen zur ITB Asia laufen normal. Es kann zwar keiner sagen, wie lange die Krise weltweit anhalten wird, aber die rückläufigen Zahlen der neu Infizierten in China und Südkorea zeigen, dass sich der Verlauf des Ausbruchs dort geändert hat und machen Hoffnung. Zudem sind es noch sieben Monate bis zur ITB Asia, die vom 21. bis 23. Oktober 2020 in Singapur stattfinden wird.