Wie lassen sich Geschäftsreisen nachhaltig gestalten? Barbra Albrecht, Leiterin Switzerland Convention & Incentive Bureau (SCIB), berät mit ihrem Team Firmen, die in der Schweiz einen Event oder eine Reise planen. «Nachhaltigkeit ist heute bei den meisten Firmen ein wichtiger Kriterienkatalog», sagt sie. CO₂-Kompensationen seien dabei sinnvoll, aber nur als ein letzter Teil des Ganzen.

Frau Albrecht, wie hat sich das Bewusstsein für nachhaltige Geschäftsreisen in den letzten Jahren verändert?

Nachhaltigkeit ist Bestandteil aller unserer Entscheide geworden, geht es doch nicht nur um ökologische Aspekte, sondern auch um soziales Engagement und Wirtschaftlichkeit in unserem täglichen Handeln, sei es privat oder geschäftlich.

Welche Rolle spielt das Switzerland Convention & Incentive Bureau konkret dabei, nachhaltige Geschäftstourismus-Angebote in der Schweiz sichtbar zu machen?

Unser Auftrag ist die Promotion des organisierten Geschäftstourismus. Wir vermarkten die Schweiz als Destination für Business Events wie Meetings, Kongresse und Incentivereisen, weniger für individuelle Geschäftsreisen. Unter diesem Aspekt haben wir bei Schweiz Tourismus eine spezifische Sektion zur Organisation von nachhaltigen Business Events in der Schweiz aufbereitet.

Welche konkreten Nachhaltigkeitsstandards oder Zertifizierungen spielen in der MICE-Branche in der Schweiz eine Rolle?

Swisstainable ist das Synonym für nachhaltigen Tourismus in der Schweiz und definiert, wie Nachhaltigkeit im Schweizer Tourismussektor verstanden und umgesetzt wird. Und die Branche definiert die Nachhaltigkeit in ihrer ganzen Bandbreite, von der Ökologie über die Wirtschaft bis hin zu den sozialen Aspekten. Das Nachhaltigkeitsprogramm Swisstainable steht allen Betrieben und Organisationen des Schweizer Tourismus offen. Hotels, Kongresszentren, Lokalitäten, Leistungsträger aber auch ganze Destinationen können die Levels 1-3 erreichen, ganz gemäss ihrem Engagement für die Nachhaltigkeit. Mit der Teilnahme am Programm verbessern sie sich kontinuierlich und erhalten entsprechend als nachhaltige Tourismusanbieter mehr Sichtbarkeit.

Auch Geschäftsreisen werden immer nachhaltiger. © AdobeStock
Wie kann die Schweizer Tourismusbranche sonst noch dazu beitragen, dass Geschäftsreisende bewusster und langfristig klimafreundlicher reisen?

Wie bereits erwähnt, versteht die Schweizer Tourismusbranche die Nachhaltigkeit sehr ganzheitlich: Neben der Umwelt stehen auch die Wirtschaft und die Gesellschaft im Vordergrund. Nachhaltiger Tourismus steht in diesem Sinne auch unter der Devise von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit sowie sozialer Verträglichkeit. Bevor also eine Destination für eine Veranstaltung ausgewählt wird, müssen im Vorfeld klare Ziele gesetzt werden. Was soll erreicht werden? Geht es um reine Informationsvermittlung,

so sind die heute praktisch kostenlosen Tools für Online-Meetings perfekt geeignet. Besonders wenn sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits gut kennen. Steht jedoch der persönliche Austausch im Vordergrund, die Kundenbindung, der Aufbau von Vertrauen und Netzwerken, die Findung von neuen Ideen, die Integration von neuen Mitarbeitenden, das Team-Building oder auch der Abschluss von Verträgen, dann sind persönliche und «reale» Treffen matchentscheidend. Jetzt folgen gleich weitere Fragen wie zum Beispiel: Kann das Meeting in internen Räumlichkeiten stattfinden? Ist ein externer Ort zielführender? Ist die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln möglich? Auf unserer Website stehen verschiedene Checklisten, Praxisbeispiele sowie Ratschläge für die Organisation von besonders nachhaltigen Business Events zur Verfügung.

Wie sinnvoll sind aus Ihrer Sicht CO₂-Kompensationen für Veranstaltungen? Wo stossen solche Massnahmen an ihre Grenzen?

Solche Massnahmen sind sicher sinnvoll, aber nur als ein letzter Teil des Ganzen. Um zu kompensieren, was nicht vermieden werden kann, um ein erfolgreiches Zusammentreffen durchzuführen. Von der Zielsetzung, über die Planung bis zur Durchführung sollten Ökologie, Soziales und Wirtschaftlichkeit in allen kleinen und grossen Entscheidungen berücksichtigt sein und was unvermeidbar ist, kann kompensiert werden. Wenn Nachhaltigkeit jedoch bloss mit dem Aspekt «Kompensation» vermeintlich «erledigt» wird, bewegen wir uns noch lange nicht im nachhaltigen Tourismus.

Fliegen oder eine lange Zugreise in Kauf nehmen? Eine Abwägung, die auch Unternehmen für ihre Mitarbeitenden machen müssen. © AdobeStock
Im Bereich individueller Geschäftsreisen liegt die Verantwortung stärker bei den Reisenden selbst. Welche Ansätze oder Tools unterstützen nachhaltige Entscheidungen, etwa bei der Verkehrsmittelwahl oder Unterkunft?

Nachhaltigkeit ist heute bei den meisten Firmen ein wichtiger Kriterienkatalog bei der Auswahl ihrer Lieferanten. Das gilt auch für Hotels, Fluggesellschaften, Mietautos etc. für Geschäftsreisende. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, 24 Stunden mit dem Zug zu reisen, damit eine Hotelübernachtung einzusparen und weniger zu kompensieren, aber doppelt so lange abwesend zu sein, ist eine individuelle Abwägung.

Was denken Sie: Wo steht die Schweiz verglichen mit anderen Ländern in Sachen Nachhaltigkeit auf Geschäftsreise?

Das ist schwierig zu sagen. Ich denke wir haben in der Schweiz einen sehr hohen Standard. Wir leben in einem Land, in dem Nachhaltigkeit eine lange Tradition hat und ein Teil unserer DNA ist. Wir sind Weltmeister im Recycling, haben hohe Standards bei der Infrastruktur, in der Lebensmittelproduktion, einen ausgezeichneten öffentlichen Verkehr, Mindestlöhne, maximale Arbeitszeiten, hohe Sicherheit, Zuverlässigkeit, gute Gesundheitsversorgung. Entsprechend hoch sind die Erwartungen und Standards von Geschäftsreisenden in die Schweiz.

Remote arbeiten auf Geschäftsreise. © AdobeStock
Welche aktuellen Trends in Sachen Bleisure stellen Sie fest?

Bei Befragungen von internationalen Geschäftsreisenden sind es oftmals bis zu 90 Prozent, die geschäftliche Reisen auch privat nutzen möchten. Das sind besonders jüngere Mitarbeitende. Und diese Bedürfnisse zeigen sich vermehrt nach der Pandemie, wo das Reisen eine Weile nicht mehr möglich war und die Preise gestiegen sind. Einen Flug zweimal nutzen, geschäftlich und privat, dafür einen privaten Kurztrip streichen, ein paar Tage früher anreisen oder zu privaten Zwecken den Aufenthalt verlängern, aber auch die neuen Möglichkeiten «remote» arbeiten zu können, erklären diesen Trend. Wir inspirieren in diesem Sinne gerade auch Geschäftsreisende aus Übersee, früher anzureisen oder ihren Aufenthalt nach der Geschäftsreise zu verlängern und die Schweiz zu entdecken. Organisatoren von Business Events empfehlen wir zum Beispiel, der Teilnehmerschaft eine Spezialrate für eine Zusatznacht anzubieten, selbstverständlich zur privaten Zahlung.

Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Arbeit, Nachhaltigkeit im Geschäftstourismus voranzutreiben – und wo erleben Sie die grössten Hürden?

Hürden sehe ich eigentlich keine. Es ist das ganze Mindset, das sich verändert hat. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Umfeld. Es sind kleine Schritte und kleine Dinge, die zusammen Grosses bewirken.

Im Trend: Der Geschäftsreise noch ein paar Tage Ferien hinzufügen. © AdobeStock
Blick in die Zukunft: Wie sieht für Sie die ideale nachhaltige Geschäftsreise im Jahr 2035 aus?

Wenn ich schaue, über was in der Branche aktuell mit Blick in die Zukunft gesprochen wird, könnte es in etwa so aussehen: Die Ziele des Meetings sind im Vorfeld klar festgelegt, die Reise nachhaltig, das heisst nach Umwelt, Kosten und Effizienzkriterien geplant. Genügend Zeit zur Erholung und zum Eintauchen in die lokalen Gegebenheiten sind vorgesehen. Remote Arbeiten während der Geschäftsreise und eine Aufenthalts- verlängerung erlauben eine effiziente Abwesenheit und Rückkehr ohne Pendenzen, sowie ein Eintauchen in die lokalen Gegebenheiten und damit ein besseres Erreichen der festgelegten Ziele.

Über das SCIB

Das Switzerland Convention & Incentive Bureau (SCIB) ist die offizielle Organisation für die Vermarktung der Schweiz als Tagungs-, Kongress- und Incentive-Destination. Als Teil von Switzerland Tourism unterstützt das SCIB Unternehmen, Agenturen und Veranstalter bei der Planung und Durchführung von Events.

Es berät bei der Wahl der geeigneten Destination, vermittelt Leistungsträger, organisiert unter anderem Inspektionsreisen, Rahmenprogramme, Transfers undfördert so den nachhaltigen Geschäftstourismus in der Schweiz.